Warum nicht .eu?
Beim ICANN-Meeting in Kapstadt traute sich kein EURid-Vertreter aufs Podium. Er hätte auch nicht viel zu erzählen gehabt.
Denn die .eu-Domain läuft noch immer nicht.
"Damals, im Jahr 1996", sagt Markus Eggensperger, "hätte einfach jemand den Schneid haben müssen, es durchzuziehen". Gemeint ist die Einführung der Europäischen Top Level Domain. Zu der Zeit, so erinnert sich der Vorstand des Starnberger Domain Händlers United Domains, sei Marin Bangemann der zuständige EU-Kommisar in Brüssel gewesen: "Bangemann war sehr interessiert und hielt eine europäische Domain als Gegengewicht zu .com für sehr wichtig." Doch statt Fakten zu schaffen, wurde die Sache der Ministerialbürokratie übergeben - die es schaffte, die Einführung über die nächsten Jahre zu verschleppen.
Ein Vertrag fehlt noch
Herbst vergangenen Jahres schliesslich einigte sich die EU-Kommission auf eine zentrale EU-Registrierungsstelle und schloss einen Vertrag mit der in Belgien ansässigen EURid ab. Wer erwartet hatte, dass es nun ganz schnell gehen würde, wurde eines besseren belehrt. Denn derzeit muss die EURid einen Vertrag mit der ICANN durchboxen, damit die neue TLD endlich in die DNS-Root eingetragen wird, das zentrale Verzeichnis aller Domains. Zu erklären, wieso dies alles so lange dauert, das wollte sich wohl kein EURid-Offizieller antun. So glänzte die küftige europäische Internet-Zentralregistratur beim jüngsten ICANN-Meeting in Capetown durch Abwesenheit. "Wenn jetzt alles gut geht werden wir noch 2005 mit der Sunrise Period beginnen", so Eggensperger. Wetten würde er darauf vermutlich nicht abschliessen.
Wer braucht .eu?
Bei über 66 Millionen Internet-domains weltweit, davon allein über acht Millionen de-Adressen, stellt sich die Frage: Wer braucht überhaupt neue TLDs? Und wer braucht .eu? Der Bedarf an neuen Domains, so berichtet Eggensperger, sei unvermindert hoch: "Wir haben immer noch einen boomenden Domain-Markt mit Steigerungsraten, von denen andere Bereiche im Internet nur träumen können". Sogar Skurrilitäten verkauften sich prächtig. So liefen derzeit die Registrierungen von Domains mit der Endung .cn (China), .in (Indien) und .it (Italien) recht gut. Mussten Domain Anwärter früher noch einen Firmensitz im betreffenden Land nachweisen, reicht heute bereits die Adresse eines Admin-C vor Ort - und hier helfen die Registrare wie United-Domains mit einem Treuhandservice aus.
Doch auch im deutschsprachigen Raum sei die Nachfrage nach frischen Namen gross. So habe eine Berechnung unter Zuhilfenahme eines Deutsch-Lexikons ergeben, dass durch die Freigabe von Umlaut-Domains ungefähr eine Million neue sinnvolle Namenskombinationen denkbar würden - bereits in den ersten Tagen wurden 130.000 Umlaut-Domains registriert. Und das ,obwohl Websites mit Umlauten in der URL vom Internet Explorer erst dann angezeigt werden, wenn man den marktbeherrschenen Browser Oldie zuvor mit einem Plugin dafür fit macht.
Defensive Registrierung
Dass auch solche Derivate und neue Endungen gefragt sind, haben Domain-Händler wie Eggensperger vor allem zwei Gruppen zu verdanken. Die Suchmaschinen-Optimierer haben einen hohen Bedarf an ähnlich klingenden Adressen die für die bei Google so wichtige Referenzierung sorgen können, und vor allem grosse Unternehmen pflegen das Konzept der "defensive registration". Dahinter steckt der Gedanke, dass man als Inhaber einer grossen Marke am besten alle Domains im Portfolio haben sollte, deren Endungen zur Verfügung stehen. Zwar könnte Coca-Cola gegen Zeitgenossen rechtlich vorgehen, die sich coca-cola.tv gesichert haben, billiger ist es jedoch, die Domain selbst zu kaufen.
Domains ohne Nachfrage
Ausgesprochen zwiespältig sehen Fachleute indes die Politik der ICANN, immer neue generische TLDs für spezielle Adresstypen auf die Reise zu schicken, ohne dass eine nennenswerte Nachfrage dahinter steht. So geschehen bei .museum und .aero, den Adressräumen für Museen und Luftfahrtunternehmen. Auch .pro, die Domain-Endung für den selbstbewussten Arzt, Anwalt oder Steuerberater, ist ein Flop. Die persönliche TLD .name gewinnt so langsam an Fahrt, dass ein Erfolg nicht absehbar ist.
Als Erfolg dürften mittlerweile die bieden ersten "neuen" TLDs .biz und .info gelten. Zwar verzeichnet .biz auch vier Jahre nach seiner Einführung erst eine Million Registrierungen, doch angesichts einer Domain-Landschaft, in der die vier grössten TLDs .com, .de, .net und .org fast 75% aller Registrierungen auf sich vereinen, ist das eine solide Leistung.
Der andere Neuling .info kann zwar schon 3 Millionen Adressen vorweisen. doch liegt das daran, dass erhebliche Mittel in das Marketing gesteckt wurden. Ausserdem klingt .info auf dem deutschen Markt eingängiger. Aber .biz hat sich wacker geschlagen.
Einstweilen schaut die Domain-Branche auf die ICANN, denn wenn die .eu kommt, dann kommt sie gewaltig. Experten rechnen mit einer starken zusätzlichen Nachfrage, denn kaum ein Unternehmen wird seine bisherigen Adressen wegen .eu aufgeben. Eigentlich ist schon alles getan. Die ICANN muss .eu nur noch in die Root eintragen.
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